DJV BLICKPUNKT Ausgabe 2/2021

Das Medienmagazin des Deutschen Journalisten-Verbands Baden-Württemberg


EDITORIAL


Liebe Mitglieder des DJV Baden-Württemberg,

 

mit Mitte 30 haben sich manche Medienschaffende beruflich ein wenig stabilisiert, andere vielleicht schon einmal komplett neu orientiert, einige sind quer in den Journalismus ein- oder auch ausgestiegen. Es sind spannende Jahre. Das gilt auch für den DJV Baden-Württemberg: Unser Landesverband ist jetzt im besten Alter. Am 12. Juni war es auf den Tag genau 35 Jahre her, dass engagierte Mitglieder und Funktionsträger*innen ihn im Sommer 1986 gründeten.

  

Groß gefeiert wird der 35. selten. In diesem Jahr, in dem wir fast alle unsere Aktivitäten ins Netz verlagert haben, wäre es auch nicht angemessen. Selbst bei den Hochzeitstagen ist der 35. kein spektakulärer: Leinenhochzeit heißt er, weil das Material langlebig, robust und trotzdem flexibel ist. Unserem Verband passt sein Leinenhemd noch ganz gut, auch wenn es hin und wieder gebügelt werden muss, auch damit die Farben zur Geltung kommen. Das versuchen wir gerade, optisch wie inhaltlich. Krempeln wir also weiter die Ärmel hoch.

 

Es kommt nicht oft vor, dass ein internes Regelwerk für die Polizeiarbeit Aufmerksamkeit über die Landesgrenzen hinaus bekommt. In diesem Fall war es so: Über den neuen „Pressekodex“ der baden-württembergischen Polizei berichteten überregionale Medien. Die einen (etwa die Süddeutsche Zeitung) thematisierten, ob die Nationalität von Tatverdächtigen genannt werden soll oder nicht – eine in

unserem Beruf heiß diskutierte Frage, nicht erst seit der Deutsche Presserat seine berühmte Ziffer 12 im Jahr 2017 dahingehend aufweichte, dass für die Nennung der Staatsangehörigkeit nicht mehr der Sachbezug, sondern schon ein öffentliches Interesse ausschlaggebend ist. Dementsprechend reicht im neuen Kodex der Polizei schon Medieninteresse aus, um die Nationalität eines mutmaßlichen Täters zu nennen. Ein Spannungsfeld: Wir haben ein Interesse an Information. Aber seien wir ehrlich: Nicht alle Seiten gehen damit immer verantwortungsvoll um.

Der Deutschlandfunk nahm sich einen anderen Aspekt vor: Die Polizei als Produzentin eigener Medieninhalte, und die Wahrnehmung der Polizei als „privilegierter Quelle“. Informationen von Behörden ungeprüft zu übernehmen war noch nie eine gute Idee. Spätestens bei Demonstrationen, die ruhig verlaufen sein sollen, während ausgerechnet Medienleute angegriffen wurden, trat offen zutage, dass Fehleinschätzungen sich schnell verbreiten, aber auch ebenso schnell widerlegt werden können. Die Polizei jedenfalls hat aus den Vorkommnissen bei Protesten gegen die Corona-Maßnahmen in Stuttgart und anderswo gelernt – und ist schnell in den konstruktiven Dialog getreten. So können auch wir etwas für unsere Berufsgruppe erreichen.

 

Mit kollegialen Grüßen 

Markus Pfalzgraf 

1. Landesvorsitzender 

 

zur Online-Ausgabe des Blickpunkt Ausgabe 2/2021