Es ist kompliziert oder:
Mit wie viel Religion muss man sich eigentlich auseinandersetzen?

Wissenschaftliche Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass Gesellschaften, die Reis anbauen, der Gemeinschaft eine wichtigere Rolle zu sprechen als Gemeinschaften, die Weizen anbauen. Die Erklärung: Für die Bewässerungssysteme der Reisfelder braucht man die Kooperation großer Gemeinschaften; Weizen dagegen kann eine Familie alleine anbauen.  Belegt wird die These zum Beispiel durch Untersuchungen in China und Vergleiche zwischen den Gesellschaften im Weizen anbauenden Norden und Reis anbauenden Süden Chinas.

Auch Klemens Ludwig lässt sich bei seiner Erklärung der Ausprägungen des Islam von den Lebensbedingungen zu seiner Entstehungsgeschichte leiten. Vereinfacht zusammengefasst lautet das etwa folgendermaßen: In der lebensfeindlichen Umgebung auf der Arabischen Halbinsel war das Überleben nur in der Gemeinschaft möglich. Deren Basis bildete die Blutsverwandtschaft und diese bedingte die absolute Unterordnung als ökonomische Notwendigkeit. Damit herrschten grundlegend andere Bedingungen als etwa in den gemäßigten Zonen des antiken Griechenlands und Italiens, wo es möglich war, auch unabhängig von der Gemeinschaft zu überleben – obgleich auch damit Grausamkeit, Kriege und Unterdrückung in diesem Kulturkreis nicht verhindert werden konnten.
 
In seinem Buch „Die Opferrolle“, beschäftigt sich Klemens Ludwig mit der Rolle des Islam in Europa und den Erfahrungen der letzten Jahre, die mit durch den Islam konnotierten Vorkommnissen in unserem Land zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen geführt haben. Wie kann man sich nun in dem weiten Feld zwischen reflexhaftem Rassismus und Islamophobie, konservativen und vom Ausland gesteuerten und finanzierten Moschee- und Islamverbänden zurechtfinden? Klemens gibt Hinweise zu einer Analyse des großen Reizthemas, er nimmt den Fehdehandschuh einer religiös motivierten Weltsicht auf und verteidigt selbstbewusst die Werte des Humanismus und der Aufklärung.
 
Die Auswahl seiner Argumente mag zuweilen provokativ wirken, doch Ludwig stellt seine Position komplex genug dar, so dass er nicht ohne weiteres zu vereinnahmen ist. Er lädt ausdrücklich zu einem kontroversen Diskurs über sein Buch und Thesen ein. In seinem Vorwort stellt er fest, dass Christen und Muslime etwa die Hälfte der Weltbevölkerung stellen und beide einen ausgeprägten Missionsanspruch besitzen. Er betont ihrer beider Verantwortung, schonungslos auf die gemeinsame Geschichte zu blicken. Für den Islam wünscht er sich den Abschied von der selbst inszenierten Opferrolle als wichtigen Schritt zu einer umfassenden Emanzipation der islamischen Gesellschaften. Er setzt sich kritisch mit Politiker*innen unseres Landes, wie etwa mit dem früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Jürgen Todenhöfer auseinander,  die seiner Meinung nach vehement vor einer pauschalen Verurteilung des Islam warnten, dagegen aber hemmungslos pauschalierten, wenn es gegen „den Westen“ geht.
 
Wie lautete nochmal die Eingangsfrage? Richtig: Mit wie viel Religion muss man sich eigentlich auseinandersetzen? Klemens Ludwigs Antwort lautet: Mit mehr, als man dachte. Unsere Gesellschaft versteht sich als säkular (obwohl sich auch hier christliche Traditionen und Werte im kollektiven Bewusstsein tief verankert haben). Dennoch haben die schmerzhaften Konflikte unserer Vergangenheit über Humanismus und Aufklärung eine Basis für Toleranz und Offenheit geschaffen und so sollten sich auch Bürgerinnen und Bürger muslimischen Glaubens zuerst als Anhänger der Demokratie, und erst im zweiten Schritt als Zugehörige einer Religion verstehen.

 

Susann Mathis

 

Klemens Ludwig: Die Opferrolle. Der Islam, seine Selbstinszenierung und die Werte der Aufklärung, Verlag Langemüller,

ISBN: 978-3-7844-3510-7, 288 Seiten, Klappenbroschur: 20,00 €, eBook: 12,99 €


Mannheim riecht nach Schokolade
„In Mannheim weint man angeblich zweimal – wenn man kommt, und wenn man geht. 2008 kam ich als Tageszeitungsredakteurin aus Westfalen (...) und habe mich fürs Bleiben entschieden.“ Mit diesem Satz stellt der neue Mannheim-Reiseführer des Dumont-Verlags seine Autorin vor, geschrieben hat ihn die DJV-Kollegin Annika Wind.

Der relativ jungen Stadt zwischen Odenwald und Pfalz, gegründet 1606, wird nachgesagt, sie sei vor allem eine graue Industriestadt. Der neue Reiseführer von Annika Wind macht es sogar nur leidlich motivierten Leser*innen leicht, sich von den vielen anderen Aspekten der Stadt anziehen zu lassen. Anhand von 15 Schwerpunkten bietet sie für jeden Wunsch den passenden Zugang an: von Jugendstil über Luisenplatz, Kaffeekultur und neue Kunsthalle, Mozart und Popakademie, Shoppen und Schokolade, bis zur reichen Museumslandschaft der Stadt. Im Kapitel „Pause“ Ende widmet sie sich der Mannheimer Sonnenfrische, denn die Stadt mündet in eine der schönsten Rheinauen Deutschland.

Die 126 Seiten liefern kurzweilige Einblicke in das Mannheim von heute, ohne die (Kultur-) Geschichte der Stadt zu vernachlässigen. Eine kurze Übersicht erläutert die berühmten Quadrate, in der die Designstadt aus dem Barock angelegt wurde und die wichtigsten Stadtviertel.  Traditionsreiche Marksteine wie Maimarkt, Schokoladenproduktion, Schloss und die weltweit größte, freitragende Holzgitterschalenkonstruktion werden genauso vorgestellt, wie originelle Cafés oder die Tangoschule in der Bettfedernfabrik. Praktische Tipps, Adressen, genauen Stadtteilplänen und einer Jahresübersicht der Festivals und Events komplettieren den sympathischen und pointierten Stadtführer.

Susann Mathis

Annika Wind: DuMont direkt Reiseführer Mannheim. Mit großem Cityplan. Taschenbuch. 120 Seiten. DUMONT REISEVERLAG. ISBN-13: 978-3770183746. 11,99 EUR