Medien


Zeitschriften brauchen unabhängigen Journalismus und recherchierende Journalist*innen. Foto: Susann Mathis
Zeitschriften brauchen unabhängigen Journalismus und recherchierende Journalist*innen. Foto: Susann Mathis

Privilegien nicht preisgeben!

Ein Appell an die Zeitschriftenverleger

 

Unter den ca. 300 Zeitschriftenjournalist*innen, die Mitglieder des DJV Baden-Württemberg sind, machen sich viele Gedanken darüber, ob ihre Redaktionen wirklich noch für unabhängigen Journalismus stehen. Manche dieser Kolleg*innen haben ohnehin nur im Rahmen von außerbetrieblichen Fortbildungen und bei DJV-Zusammenkünften die Möglichkeit, sich auszutauschen. Fachzeitschriften werden oftmals von Einzelkämpfern gemacht. Im Bereich Publikumszeitschriften lösen große Verlagshäuser die Redaktionen immer häufiger auf und schaffen stattdessen Pools für einzelne Themenfelder wie Gesundheit, Mode, Technik, aus denen sämtliche Blätter des Konzerns schöpfen.

Redaktionen sind jedoch wichtig: In Redaktionskonferenzen werden Standpunkte diskutiert, Haltungen gefunden, Linien festgelegt. Dies gilt nicht nur für Magazin-Redaktionen wie „Spiegel“ oder „stern“. Es ist auch für Computerzeitschriften wichtig, für Frauenzeitschriften, für Gartenmagazine. Wir Journalist*innen sind das unseren Leser*innen schuldig. Sie müssen sich auf uns verlassen können. Der Blick ins Impressum muss signalisieren: Das sind die Experten, denen ich mich durch den Kauf der Zeitschrift anvertraue.

Deshalb muss gesichert sein, dass die Inhalte der jeweiligen Zeitschrift nicht von PR-Agenturen gesteuert werden. Nehmen wir das Beispiel Monsanto: Bayer hat selbstverständlich eine andere Sicht auf die Dinge als eine unabhängige Gartenzeitschrift. Wenn Redakteure von Gartenzeitschriften allerdings aus Kostengründen aufgefordert wären, das von Bayer zur Verfügung gestellte Material unbearbeitet zu nutzen, gäben sie ihre Unabhängigkeit preis.
 
Es gibt inzwischen große Verlage, die Inhalte nicht einmal mehr selbst generieren, sondern ihre Redaktionen explizit anweisen, aus Kostengründen ausschließlich mit von PR-Agenturen geliefertem Content zu arbeiten. In der Sparte Medizin verlangen führende Medienkonzerne seit einiger Zeit von ihren Mitarbeiter*innen, mit Agenturen der Pharmaindustrie zu kooperieren. Der Online-Ableger der Burda-Zeitschrift „Lisa“ wurde im September 2018 vom Deutschen Presserat gerügt, weil Schleichwerbung für ein homöopathisches Mittel nachgewiesen werden konnte. Die Trennung von Werbung und Redaktion, in Ziffer 7 des Pressekodex verankert, wurde von „Lisa“-Online missachtet. Verlags-Controller, die auf diese Weise Kostenreduktion bzw. Werbeeinnahmenmaximierung betreiben wollen, handeln riskant und kurzsichtig: Leser*innen schätzen, gerade im Internet- und Google-Zeitalter, die Unabhängigkeit von Medienhäusern. Ist diese nicht mehr gegeben, werden sie über kurz oder lang abspringen. Unternehmen wie Red Bull machen bereits vor, in welche Richtung es gehen kann: Eigene Medien wie das zehn Mal pro Jahr erscheinende Lifestyle-Magazin „The Red Bulletin“ befeuern die Marketingmaschinerie des Getränkeproduzenten im Sinne des Corporate Publishing. Zeitschriftenverlage müssen sich davon klar abgrenzen und auch künftig ein Garant für recherchierte Informationen sein. Das ist ihr USP.
 
Verleger*innen sollten ihre Journalist*innen nicht den Controller*innen ausliefern. Nicht nur aus ethischen Gründen, sondern auch aus betriebswirtschaftlichen. Lassen sich Verlagshäuser ausschließlich von unternehmerischem Denken leiten, gefährden sie ihre verlegerischen Privilegien: Tendenzschutz, reduzierte Mehrwertsteuer etc.  Sonntagsreden von Verleger*innen helfen nicht weiter. Der Zeitschriftenjournalismus braucht wieder mehr Verantwortung und Journalist*innen, denen die Zeit zugebilligt wird, selbst zu recherchieren und zu schreiben. Etliche unserer Leser*innen merken schon heute, dass Verlagshäuser Content nur noch hin und her schieben.
 
Wie viele Betriebswirte haben schon darüber nachgedacht, welche Errungenschaften sie mit ihrem Sparprogramm aufs Spiel setzen? Es ist brandgefährlich und betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll. Wenn das Finanzministerium auf die Idee käme, die reduzierte Mehrwertsteuer zu kassieren, würde es für viele Verlagshäuser eng werden. Stehen wir lieber rechtzeitig für unabhängigen Journalismus ein, der die ihm gewährten Privilegien auch verdient.

Maria Ebert